Primärversorgung weiterentwickeln - in welche Richtung wird es jetzt gehen?

Eine starke und gut vernetzte Primärversorgung ist der Schlüssel zu einer besseren Gesundheitsversorgung und weniger gesundheitlichen Ungleichheiten. Doch welche Schritte sind notwendig, um ein zukunftsfähiges Primärversorgungssystem aufzubauen?

Illustration Hilfe zur Rehabilitation
© Diakonie/Francesco Ciccolella

Was bedeutet „Primärversorgung“?

Primärversorgung beschreibt die erste Ebene im Gesundheitssystem, zu der Menschen direkt und unmittelbar Zugang haben. Hier finden sie wohnortnah Unterstützung bei allen gesundheitlichen Fragen, Anliegen und Beschwerden.

Gut entwickelte Primärversorgungssysteme bieten eine medizinische und psychosoziale Grundversorgung und beinhalten auch Prävention und Gesundheitsförderung. Sie sind durch multiprofessionelle Teams getragen und ermöglichen eine koordinierte und kontinuierliche Versorgung. Sie sind niedrigschwellig für alle Menschen zugänglich. Mit einem breiten Leistungsspektrum decken sie einen großen Teil des gesundheitsbezogenen Versorgungsbedarfs ab.

Eine starke Primärversorgung ist mit einem besseren Zugang zu gesundheitlicher Versorgung und mit geringeren gesundheitliche Ungleichheiten verbunden – hierfür liegt umfassende wissenschaftliche Evidenz vor. Die WHO betont seit langem, dass alle Mitgliedsstaaten ihre Gesundheitssysteme stärker auf die Primärversorgung ausrichten sollen, wenn sie den Herausforderungen gerecht werden wollen, die mit alternden Bevölkerungen und einer Zunahme chronischer Erkrankungen einhergehen.

Primärversorgung in Deutschland

In Deutschland wird Primärversorgung heute vor allem durch Hausärzt:innen und zumeist in Einzelpraxen geleistet. Eine Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen ist nicht vorgesehen, die einzelnen Leistungserbringer arbeiten eher nebeneinander als miteinander, Versorgungskontinuität besteht meist nicht. Viele Menschen haben Schwierigkeiten, sich in dem unübersichtlichen System zurechtzufinden und die jeweils passenden Anlaufstellen zu finden. Dies gilt umso mehr für Menschen mit komplexen gesundheitlichen und sozialen Unterstützungsbedarfen und für pflegebedürftige Menschen. Zudem gibt es in vielen ländlichen oderstrukturschwachen Regionen sowie in ärmeren Stadtteilen bereits heute nicht mehr genug Hausärzt:innen, so dass vielerorts keine gleichwertige Primärversorgung sichergestellt werden kann. Grundlegende Reformen und der Aufbau niedrigschwelliger Primärversorgungsstrukturen, in denen gesundheitliche Versorgung gemeinsam in multiprofessionellen Teams gestaltet wird, werden daher schon seit langem von vielen Seiten gefordert.

Aktuelle Ansätze zur Weiterentwicklung der Primärversorgung

Gesundheitskioske, Primärversorgungszentren und Gesundheitsregionen

Gesundheitskioske bieten niedrigschwellige Beratung, Information und Unterstützung zu gesundheitlichen Fragen an. Sie unterstützen Menschen bei der Orientierung im Gesundheitswesen, vermitteln sie in weitere Angebote und stärken sie in ihrer Gesundheitskompetenz. Gesundheitskioske zeichnen sich durch ein mehrsprachiges Team aus und sind pflegerisch geleitet. Sie richten sich vor allem an Menschen mit komplexeren gesundheitlichen und sozialen Unterstützungsbedarfen. Gesundheitskioske sind sowohl in Finnland als auch in den USA bereits länger weit verbreitet. In Deutschland sind in den letzten Jahren verschiedene Gesundheitskioske im Rahmen von Modellprojekten eröffnet worden, so zum Beispiel in Hamburg, Essen, Köln und in Thüringen.

Primärversorgungszentren bieten eine hausärztliche Versorgung und weitere Gesundheitsleistungen unter einem Dach. Insbesondere ältere und mehrfach erkrankte Menschen können hier von nichtärztlichen Fachkräften intensiver beraten und begleitet werden und bekommen Unterstützung bei der Koordination der gesundheitlichen Versorgung. Vorbild für das Modell der Primärversorgungszentren sind zum Beispiel die multiprofessionell ausgerichteten „Community Health Centers“, die in Kanada schon lange fest etabliert sind. In Deutschland haben der Sachverständigenrat für Gesundheit und die Robert Bosch Stiftung schon vor langer Zeit weitreichende Konzepte für die Ausgestaltung von Primärversorgungszentren erarbeitet. Auf Landesebene wurden den letzten Jahren in Hamburg, Baden-Württemberg und Berlin Förderprogramme für Primärversorgungszentren aufgesetzt.

Gesundheitsregionen sind regionale Netzwerke oder Runde Tische zu Gesundheitsthemen, in denen möglichst viele Einrichtungen und Leistungserbringer einer Region mitwirken. Koordiniert werden sie durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst. Gesundheitsregionen haben zum Ziel, die bestehenden Versorgungsbedarfe in der Region strukturiert zu erfassen, die gesundheitsbezogenen Aktivitäten zu einem Gesamtkonzept zusammenzufassen und die gesundheitliche Versorgung zu verbessern. Auf Landesebene gibt es in derzeit sieben Bundesländern bereits vielversprechende Ansätze für Gesundheitsregionen (in einigen Ländern heißen sie Gesundheitskonferenzen), teils sind sie gesetzlich verankert, teils werden sie durch Förderprogramme unterstützt.

Im Koalitionsvertrag 2021-2025 hatte sich die Ampelregierung sich darauf verständigt, eine gesetzliche Grundlage für Gesundheitskioske, Primärversorgungszentren und Gesundheitsregionen im SGB V zu schaffen. In Vorbereitung des Gesundheitsversorgungsstärkungsgesetzes (GVSG) hat das Bundesgesundheitsministerium hierfür konkrete Regelungsvorschläge vorgelegt, die jedoch keine Mehrheiten im Bundestag gefunden haben und in der letzten Legislaturperiode nicht mehr umgesetzt werden konnten.

Sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen

Sektorenübergreifende Versorgungseinrichtungen können in Regionen mit Versorgungslücken neben einer stationären Versorgung auch ambulante ärztliche Leistungen anbieten. Das neue Versorgungsmodell ist mit dem Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) im Jahr 2024 gesetzlich im SGB V verankert worden. Das Land Niedersachsen fördert bereits seit einigen Jahren den Umbau kleiner Krankenhäuser zu „Regionalen Gesundheitszentren“, die große Schnittmengen zu dem neuen Versorgungsmodell aufweisen.

„Social Prescribing“ – das Sozialrezept

Das aus Großbritannien kommende Konzept des „Social Prescribing“ oder des Sozialrezepts ist eine Möglichkeit, soziale Determinanten von Gesundheit in der Primärversorgung besser zu berücksichtigen. Einsamkeit, arbeitsbedingte Belastungen oder familiäre Schwierigkeiten sind häufige Beratungsanlässe in der hausärztlichen Praxis. Dort kann ihnen aber nur ungenügend begegnet werden. Beim „Social Prescribing“ vermitteln nichtmedizinische Fachkräfte Patient:innen entsprechend ihrer Bedarfe weiter an nichtmedizinische wohnortnahe Angebote, zum Beispiel in Beratung, in ehrenamtliche, Gemeinschafts- oder Freizeitaktivitäten.

Primärärztliche Versorgung

In der primärärztlichen Versorgung sind Hausärzt:innen die erste Anlaufstelle bei gesundheitlichen Fragen und Beschwerde. Sie steuern und koordinieren die medizinische Versorgung und leiten, wenn erforderlich, an andere Fachärzt:innen weiter. Während in vielen anderen Gesundheitssystemen schon seit langem eine primärärztliche Versorgung eingeführt ist, wurde das Konzept in Deutschland bisher mit Verweis auf das Prinzip der freien Ärzt:innenwahl nicht umgesetzt.

Ausblick

In der neuen Legislaturperiode wird voraussichtlich vor allem die Stärkung der primärärztlichen Steuerung und Koordination ein wichtiges gesundheitspolitisches Thema. Das Vorhaben ist grundsätzlich zu befürworten. Was die konkrete Ausgestaltung betrifft, werden aktuell verschiedene Modelle diskutiert. Hier gilt es, sich auf ein Modell zu verständigen, dessen Umsetzung dazu beiträgt, Unter-, Über- und Fehlversorgung zu verringern und die gesundheitliche Versorgung insbesondere für Menschen, die aktuell keinen guten Zugang zu gesundheitlicher Versorgung haben, zu verbessern.

Darüber hinaus bleibt es eine zentrale gesundheitspolitische Aufgabe, die notwendigen Strukturreformen zur Weiterentwicklung der Primärversorgung in Angriff zu nehmen: Die Diakonie Deutschland spricht sich dafür aus, dass die neue Bundesregierung das Vorhaben, eine gesetzliche Grundlage für Gesundheitskioske, Primärversorgungszentren und Gesundheitsregionen im SGB V zu schaffen, wieder aufgreift. „Social Prescribing“ ist ein vielversprechender Ansatz, der hierbei mitbedacht werden sollte. Die neuen Sektorenübergreifenden Versorgungseinrichtungen gilt es konzeptionell auszubauen und zu zukunftsfähigen Grundversorgern weiterzuentwickeln.

Um langfristig ein zukunftsfähiges Primärversorgungssystem in Deutschland zu schaffen, sind multiprofessionelle Strukturen aufzubauen, die gesundheitliche Versorgung, soziale Beratung, sozialpsychiatrische Angebote sowie Prävention und Gesundheitsförderung unter einem Dach anbieten, die eine Fallbegleitung für Menschen mit komplexeren gesundheitlichen und sozialen Unterstützungsbedarfen vorhalten und die mehrsprachig und diskriminierungssensibel arbeiten. Die Diakonie Deutschland hat ein großes Interesse, die Weiterentwicklung der Primärversorgung mitzugestalten und ihre Angebote dort aktiv einzubringen.

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